APULIEN

Ein „Katzensprung“ –  der Flug Berlin-Bari. In gut zwei Stunden sind wir in einer anderen Welt. Bella Italia begrüßt uns mit einem „leicht verhangenen“ Lächeln. Der erste Tag unserer organisierten Reise durch Apulien mit dem Ausflugsziel Grotte di Castellana beginnt mit tief liegenden schwarzen Wolken.

Die Höhle, 1938 von Franco Anelli entdeckt, diente früher (kaum zu glauben) als Mühlhalde. Eine Treppe führt in die „Grave“. Hier bietet sich uns eine märchenhafte Welt aus Stalagmiten – danach folgen kleinere nicht minder spektakuläre Höhlen. Ein Wermuttropfen für die meisten Besucher: Ab jetzt ist das Fotografieren und Filmen streng verboten. Säulen, Stalaktiten und Stalagmiten, deren Gesteinsformation als Inspiration zu  fantasievollen Namen führte, säumen die gesamte Strecke. Wir entdecken die „kleine Madonna“ und die“ Schlange“, die „römische Wölfin“, das „Kamel“, die „Eule“ und viele andere bizarre, von der Natur geschaffene Gestalten. Der Höhepunkt des unterirdischen Labyrinthes ist die Grotta Bianca, die schönste Grotte der Welt, die ihren Namen der strahlend hellen Farbe ihres Alabasters verdankt. Es ist empfehlenswert, die große 3 km lange Tour zu buchen, die etwa 2 Stunden in Anspruch nimmt.

Endlich zeigt sich die Sonne, als wir nach einer kurzen Mittagspause in Alberobello ankommen. Die Stadt ist berühmt durch ihre charakteristischen Trulli. Es sind kleine weiß getünchte Häuschen mit hohen runden Dächern, deren Schlussstein häufig mit weißen Symbolen verziert ist. Davon gibt es hier mehr als 1.400. Früher dienten sie als Wohnungen für die arme Landbevölkerung, heute gehören sie zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die beiden Trulli-Viertel, getrennt durch Largo Martellotta, laden mit vielen schmalen Gassen und Treppen zu einem ausgedehnten Bummel ein. Schade, dass die Zeit so schnell vergeht, hier möchte man viel länger verweilen, um die Einmaligkeit dieses Ortes zu genießen.
Der heutige Tag steht zur freien Verfügung. Rund um unser Hotel in Marina di Ginosa, ist „tote Hose“! Da es außer einem kilometerlangen Strand und ein paar kleinen  Geschäften nichts zu sehen gibt, entschließen wir uns zu einem selbst inszenierten Ausflug. Silvio, unser immer hilfsbereiter Guide, sucht nach der besten Fahrverbindung nach Taranto, einer kleinen verträumten Stadt, die malerisch zwischen Mare Piccolo und Mare Grande liegt. Im Bus sind fast nur Touristen. Der Fahrer verwöhnt uns mit einem ohrenbetäubenden Konzert italienischer Schlagermusik. Zum Dank wackeln wir rhythmisch mit den Köpfen und genießen die vorbeiziehende Landschaft.

Nur 40 Minuten dauert die Fahrt und wir sind mitten in der Altstadt von Taranto. Die Tour beginnt am Castello Aragonese mit seinen imposanten Türmen. Der Weg führt vorbei an zwei riesigen Säulen, den letzten Überresten des Poseidon-Tempels, durch die Via Duomo zu der eindrucksvollen romanisch-barocken Kathedrale San Cataldo. Am Ende der Gasse befindet sich die majestätische Kirche San Domenico Maggiore mit einem bemerkenswerten gotischen Portal. Die Altstadt ist fast unbewohnt – nur ein paar Hausfrauen mit gefüllten Einkaufstüten begegnen uns, während alte Männer Zeitung lesend auf den Bänken dösen und die Stille genießen. Die wunderschönen alten Paläste mit eingeschlagenen Fenstern und bröckelnden Portalen strahlen eine morbide Schönheit aus. Über eine Drehbrücke gelangen wir in die Neustadt und zu der prächtigen Palmenallee Lungomare Vittorio III mit einem riesigen Marinedenkmal. Weiter geht`s zu der mächtigen Präfektur und Piazza Garibaldi, wo sich das Archäologische Nationalmuseum befindet. Es gehört zu den bedeutendsten Museen Italiens und ist berühmt für seinen antiken Goldschmuck.

Einen herrlichen Blick auf den Hafen von Trani, die Altstadt und die Kathedrale hat man vom Park der Villa Comunale. Strahlend weiße Häuser aus hellem Kalkstein, Fischer- und Segelboote, viele kleine Restaurants und Bars sowie der Fischmarkt vermitteln Urlaubstimmung pur. Silvio zählt noch schnell seine „Schäfchen“, bevor der Rundgang startet. Die Kathedrale San Nicola Pellegrino, auch die „Königin der Kathedralen“ genannt, steht direkt am Meer. Sie wurde zu Ehren des Heiligen Nikolaus über einer bereits bestehenden Kirche errichtet. Neben dem Bau ragt ein fast 60 Meter hoher eleganter Glockenturm in den Himmel. In dem üppig mit vielen biblischen Szenen und Ornamenten verzierten Portal befand sich ursprünglich eine mit Bronze beschlagene Tür, die 1175 von Barisano da Trani angefertigt wurde. Das Original steht jetzt nach einer Restaurierung im Inneren der Kirche, die durch ihre Schlichtheit und Helligkeit besticht. Von den Bodemosaiken sind leider nur Bruchstücke erhalten. Die Unterkirche beeindruckt durch die beiden Säulenreihen und Fresken aus dem 12. Jh. Die Krypta, in der die Gebeine des Heiligen Nikolaus aufbewahrt werden, und die darunter liegende Ursprungskirche aus dem 6. Jh. bilden den Abschluss der geschichtsträchtigen Entdeckungstour. Wir verabschieden uns von Trani nach einem Bummel durch die schmalen Gassen der Altstadt und einem leckeren Mittagsimbiss im Hafen, bevor wir zu unserem nächsten Ziel aufbrechen.
Castel del Monte
ist die am besten erhaltene Stauferburg in Italien und zählt seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Würdevoll auf einem Hügel erbaut, ist dieses mächtige Schloss  schon von weitem zu sehen. Gerne wird es mit dem Felsendom in Jerusalem oder der Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen gleichgesetzt. Bemerkenswert ist seine achteckige Form. Die Acht ist die Zahl der Unendlichkeit, des Gleichgewichts und der Harmonie. Der Innenhof ist achteckig und die zwei Etagen des Kastells bestehen aus acht Räumen. Die meisten sind nur über Wendeltreppen zu erreichen, so dass hier ein Labyrinth entsteht. Eine Fotoausstellung im Inneren informiert über die Geschichte des Baus.

Wir nutzen den heutigen freien Tag für einen Ausflug in die knapp 25 Kilometer entfernte Kleinstadt Ginosa. Ausgestattet mit wertvollen Tipps von Silvio und einem Fahrplan machen wir uns früh auf dem Weg. Ginosa ist ein von einer Schlucht umschlossenes Juwel. Ein Spaziergang durch die pittoresken Straßen führt an schönen Bauten vorbei und endet an einer Brücke, die die Stadt mit einem normannischen Schloss verbindet. Beeindruckend ist die Kluft, in der sich Felssiedlungen und Krypten befinden. Wir teilen uns den schmalen Weg am steilen Abhang mit mehreren vierbeinigen Streunern. Über eine Treppe gelangen wir zur Chiesa Madre, einer Kirche aus dem 16. Jh. Danach wird der Abstieg immer beschwerlicher. Viele in Gestein gegrabene Kirchen sind mit Fresken verziert, zu deren Besichtigung leider die Zeit fehlt.

Altamura, auch Città del Pane genannt (Stadt des Brots), da es hier so viele traditionelle Brotsorten gibt, ist ein El Dorado für Fotografen. Die malerischen Gassen enden oft in „claustri“ (Sackgassen). Ein Grund mehr, unserem Silvio im Gänsemarsch zu folgen. Zu dem größten Anziehungspunkt gehört zweifellos die Kathedrale Santa Maria Assunta mit einem von zwei mächtigen Löwen flankierten Portal, das zu dem schönsten in Apulien gehören soll. In dem Lanzettbogen befinden sich Reliefs, die Szenen aus dem Leben Christi darstellen. Auch das Innere der Kirche ist sehenswert. Nicht weit von hier befindet sich Forno Antico, eine Bäckerei, die man unbedingt besuchen sollte. Der Backofen ist 5 Meter tief und stammt aus dem Jahr 1423. Man kann dem Meister bei seiner Arbeit beobachten und die noch lauwarmen Köstlichkeiten genießen.
Der Höhepunkt des Tages ist der Besuch von Matera. Die Altstadt besteht zu einem großen Teil aus Höhlensiedlungen, den Sassi, die seit 1993 zum UNESCO-Welterbe gehören. Um uns auf die Einzigartigkeit des Ortes einzustimmen, liest Silvio aus dem Buch von Carlo Levi „Christus kam nur bis Eboli“ vor, in dem die katastrophale Lage der hier früher lebenden Menschen beschrieben wird. Heute ist Matera eine Attraktion und wird als die meist berühmte Höhlenstadt der Welt bezeichnet. Sie liegt auf einem Tuffsteinplateau oberhalb einer tiefen Schlucht, in deren Wände die Einwohner Wohnhöhlen und Gotteshäuser gegraben haben. Die Höhlen wurden bis in die 1950er Jahre bewohnt. Nach umfangreicher Sanierung werden einige als Hotels, Geschäfte und Eigentumswohnungen genutzt. Ein Wirrwarr aus Gassen, Treppen und Höhlen machen diesen Ort zu einem unvergesslichen Erlebnis. Der Besuch einer Höhlenwohnung ist ein „muss“, um einen Einblick in das Leben der früheren Bewohner zu bekommen. Es gab nur einen fensterlosen Raum mit einem großen Bett für die Eltern, die restlichen Familienmitglieder mussten auf Truhen oder Schränken schlafen. Der Platz unter dem Bett war für Tiere und Vorräte vorgesehen. Matera hat jedoch mehr zu bieten als Sassi: den Dom mit einer großen Anzahl von Kunstwerken, viele barocke Kirchen, Bauten aus dem Mittelalter und Renaissance sowie elegante Gebäude berühmter italienischer Architekten.

Lecce, die Stadt des Barocks, ist verhüllt mit schwarzen Regenwolken. Im Zentrum befinden sich ein Amphitheater sowie eine antike Säule des Schutzheiligen Oronzo. In die Altstadt mit vielen Kirchen und prachtvollen Palästen führen drei Stadttore. Unübersehbar auf dem Domplatz: die Kathedrale mit einer aufwendig gestalteten Seitenfassade und einem prunkvollen Innenraum, ein 68 Meter hoher Glockenturm, der Bischofspalast und das Priesterseminar. Ein weiteres „Schmuckstück“ ist die Basilika di Santa Groce, deren opulente Fassade zu den meist bekannten Beispielen des Lecceser Barocks gehört („Lecceser Barock“ ist ein besonders üppiger Stil mit einer Mannigfaltigkeit plastischer Dekorationen, der seiner Besonderheit auch dem Lecceser Stein verdankt, der besonders einfach zu modellieren ist).

Otranto ist berühmt durch seine Kathedrale mit einem fast komplett erhaltenen 800 m² großen Bodenmosaik, das der Künstler Pantaleone im Auftrag von Bischof Jonathan zwischen 1163 und 1165 geschaffen hat. Es ist ein faszinierendes „Bilderbuch“ mit den unterschiedlichsten Themen; eine Mischung aus dem Alten Testament und griechisch-römischer Mythologie.
In der Apsis befinden sich in großen Glasschränken Reliquien von 800 Märtyrern, die 1480 enthauptet wurden. Sehenswert ist auch der älteste Teil der Kathedrale: die Krypta, in der sich 42 Säulen aus verschiedenen Materialien befinden. Nach einem Spaziergang durch die pittoresken Gassen der Altstadt und den Blick auf Castello Aragonese endet die Tour.

Heute heißt es Abschied nehmen. Bevor wir zum Flughafen fahren, machen wir noch einen kleinen Rundgang durch Bari, der Hauptstadt von Apulien. Vorbei an Castello Svevo (dem „Schwaben-Schloss“), kurzer Besuch der Basilica San Nicola und der Cattedrale San Sabino. In den Gassen der Altstadt entdecken wir viele Frauen, die an großen Holztischen sitzend mit ihren flinken Fingern frische Orecchiette (Öhrchen) formen. Diese Hartweizennudeln von Hand hergestellt sind die Spezialität von Bari. Wir kaufen gleich eine große Tüte und dazu noch eine Packung Taralli (würzige oder süße herrlich schmeckende Kringel). Mit der letzten Tasse Espressino und einer großen Kugel Gelato verabschieden wir uns von Apulien. Unser besonderer Dank gebührt dem großartigen Busfahrer Nicola und Silvio, der uns durch dieses schöne Stück Italien so kurzweilig und versiert begleitet hat.

Literatur-Empfehlung (s. auch Travel Books)
Jacqueline Christoph: Apulien, 297 Seiten, Preis € 17,99,  ISBN  978-3-7701-7423-2, DuMont Reiseverlag http://www.dumontreise.de  

Carlo Levi: Christus kam nur bis Eboli, 286 Seiten, Preis € 9,90,  ISBN 978-3-423-13039-4, Deutscher Taschenbuch Verlag  http://www.dtv.de/


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