BELLE EPOQUE

Pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk legt um 11.40h Uhr  „S/S La Suisse“ , das Flagschiff der CGN Belle Epoque Flotte, von der Pier im Hafen von Lausanne-Ouchy ab.

 

Kurs Schloss Chillon, die imposant auf einem Felsen am Ostufer des Genfer Sees  gelegene Wehrburg, fünf Kilometer südöstlich von Montreux.  Fast zwei Fahrstunden wird die nostalgische und erlebnisreiche Fahrt auf dem ehemals für 1.500 Passagiere ausgelegten Ausflugsraddampfer dauern, vorbei an der weltberühmten und seit 2007 als Weltkulturerbe von der UNESCO gelisteten Weinterrassenlandschaft von Lavaux. Was vor rund 800 Jahren die Zisterzienser Mönche schufen, haben die Waadländer perfektioniert. Gutedel heißt die auf rund 900 ha in steil abfallenden, mit Lesesteinmauern umsäumten Terrassen angebaute Rebsorte, die von den Gestaden des Genfer Sees ihren Einzug ins Elsass und badische Markgräflerland nahm. Auch wir genießen auf dem geräumigen Außendeck der 1. Klasse eine Appelation Dézaley Grand Cru. Ein Edeltropfen von den rund 40 Weinbauern der Region. Sollte das Dézaley auch auf der 200-er Schweizer Banknote abgebildet sein? Natürlich ist es, denn auf der Vorderseite ist der Schriftsteller Charles-Ferdinand Ramuz aus Lausanne- Pully porträtiert, der für den Literaturnobelpreis vorgeschlagene Nationaldichter philosophierte schon über „Die Schönheit auf Erden“. Und damit meinte er sicherlich auch das sonnenverwöhnte Lavaux Gebiet seiner Heimat.

Als „S/S La Suisse“  1908 für 586.000 Schweizer Franken bei der Firma Sulzer in Winterthur in Auftrag gegeben wurde, war Ramuz gerade 30 Jahre alt. Die „Suisse“ sollte mit 78,5m Länge das größte und schönste Dampfschiff der Schweiz werden, 1910 nahm es ab Genf  seinen Liniendienst auf.  Erst Kohle, dann Schweröl, bis 1968 Leichtöl lieferten die Energie für die Dampfpumpen. Seit seiner Totalrenovierung 2009 fährt es maximal 15,6kn (29km/h) umweltfreundlich, äußerlich im alten Gewand, innerlich für 15 Millionen SFR grundsaniert.

 

 

 

 

Wir verzichten auf das elegante Belle Epoque Restaurant samt Menu „Dame du Lac“ und möchten es gerne einmal bei einer Dinner Cruise in Ruhe genießen.

Jetzt ist es viel spannender, von Deck aus die Anlandungs- und Abfahrtmanöver in den kleinen, pittoresken Orten zu beobachten, wenn die gesamte nautische Crew des Dampfschiffes im Einsatz ist. Laut erschallt jedes Mal das Typhon, so dass auch keiner der Bewohner von Pully, Lytry, Cully, Rivaz-St-Saphorin irgendeine Schiffsankunft oder Abfahrt versäumt. International ist das Publikum an Bord. Aber auch Einheimische nutzen ihren Swiss–Pass und sind als Stammgäste fast täglich an Bord. Sie erzählen gerne von den unendlich vielen Stimmungen, die bei diesen nostalgischen Erlebnisreisen zu entdecken sind. Ob bei tiefblauer See mit spiegelglatter Oberfläche und faszinierender Fernsicht auf die imposanten schneebedeckten 2000-er-Nordgipfel der französischen Alpen, bei  waberndem Herbstnebel mit zu einem großen V formierten Wildgänseschwärmen am Himmel, in leuchtend dunkelroter Morgen- oder Abendstimmung. Keine Fahrt gleicht der anderen. In der „Schokoladenhauptstadt“ Vevey entdecken wir gleich neben dem  Luxusresort „Les Trois Couronnes“ an der Seepromenade eine Charlie Chaplin Statue und eine rund 10 Meter hohe Inox-Gabel, die  aus dem Wasser emporragt. Sie weist markant auf das Alimentarium, ein Museum für Ernährung. In diesem Gebäude hatte bereits Henri Nestlé, der als Heinrich Nestle 1814 in Frankfurt am Main geboren wurde, seinen Firmensitz. Es ist die Keimzelle eines riesigen Imperiums, das der Apotheker mit der Herstellung von Likör, Senf und Milchpulver in Vevey begann. Auch Charlie Chaplin zog es mit seiner großen Familie 25 Jahre bis 1977 an die Schweizer Riviera, eine der wohl angenehmsten und schönsten Regionen des Genfer Sees.  In 400 Höhenmetern gelegen ist er mit 580 km² Fläche der größte See der Schweiz und so groß wie Bodensee und Thuner See zusammen. Nach dem ungarischen Plattensee ist er der zweitgrößte Mitteleuropas. 60% der Seefläche, die von der Rhône gespeist wird, sind Schweizer Staatsgebiet, 40% gehören zu Frankreich, dessen Seeorte Evian, Thonon, Yvoire ebenfalls große historische Bedeutung haben. Auch diese verbindet die Compagnie Général de naviagation sur le Lac Léman (CGN), die 10 Jahre nach ihrer Gründung bereits 1883 in das Handelsregister von Lausanne eingetragen wurde. Heute betreibt sie insgesamt sechs Belle Epoque Schiffe, sieben Propellerschiffe mit bis zu 1.200 Personen Kapazität  und ein Wasserkraft angetriebenes Boot (maximal 120 Passagiere, Baujahr 2007).

 

 

Warum der Genfer See im Französischen den Namen „Lac Léman“ trägt, liegt vielleicht schon an Caesar, der vom „lacus lemanus“ sprach.

1798 wurde die Stadt Genf  von Frankreich annektiert und dem Département Léman zugeordnet. Seit 1814 ist Genf wieder schweizerisch, der See aber behielt wie zu Caesars Zeiten seinen „Léman“- Namen bei.
Im November 2013 nahm „M/S VEVEY“ nach Millionen schweren Umbaumaßnahmen  als viertes renoviertes Schiff seinen Dienst auf dem Genfer See wieder auf. Markant okerfarben und weithin sichtbar ist sein Schornstein. „M/S VEVEY“ ist eine Belle Epoque Schiffslady aus dem Jahr 1907, sie ist 65,5 m lang und hat einen 1. Klasse Salon der Superlative. Hier sind die originalen Jugendstilmöbel fachmännisch und liebevoll restauriert.  Das Ambiente ist authentisch, der Service gut. „Quality. Our Passion“ ist zu lesen.
Schöner kann eine Reise zur See –  pardon auf dem Binnensee! –  nicht sein. Noch unklar ist das Schicksal von  „M/S Italie“  (Baujahr 1908, seit 2005 außer Betrieb) und  „M/S Helvétie“ (Baujahr 1926, seit 2002 nicht mehr fahrtüchtig). Bis Dezember 2013 wurde das Olympische Museum in Lausanne umfangreich renoviert. „M/S Helvétie“ diente vorübergehend als Museumsschiff mit viel nostalgischem Charme. Jetzt wartet sie auf ihre 15 bis 20 Millionen SFR teure Renovierung.
Genauso schweizerisch pünktlich wie wir mit „S/S La Suisse“ abgefahren sind, kommen wir mit lautem Typhontönen und vielen neuen Eindrücken zurück in die Olympiastadt Lausanne. Wir wohnen im historischen Turm von Château d’Ouchy, nur wenige Meter vom CGN-Anleger entfernt. Schon morgen wollen wir wieder mit der Flotte fahren: in die Musikstadt Montreux auf den Spuren von Sissi, Tschaikowsky, Tolstoi und Freddie Mercury. Oder nach Frankreich zum Donnerstagsmarkt in Thonon, zum Thermalbaden nach Evian, oder in das mittelalterliche, Blumen geschmückte Städtchen Yvoire …  Die Faszination der Belle Epoque Flotte hat uns eingefangen. Auf 140 Jahre CGN Genfer Seeschifffahrt stoßen wir an der Bar vom Château d’Ouchy an, natürlich mit einer Appelation Dézaley Grand Cru …

Informationen: http://www.cgn.ch  Reiseführer Genferseeregion, Michael Müller Verlag,  ISBN 978-3-89953-553-2

Copyright: Jutta Schobel

 

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