COBH

Der norwegische Kapitän Jan Georg Thommessen steht auf der Brücke von MS „Artania“ auf dem Weg nach Grönland. Das GPS-Gerät zeigt 51°51’N und 8°18’W. Er befindet sich vor der irischen Südküste, nahe dem Hafenstädtchen Cobh (sprich: ko:f). Es liegt auf dem selben Breitengrad wie Calgary, London, Essen oder Ulan-Ude in Sibirien. Doch mit 8° West ist dies eine für die Seefahrtsgeschichte mehrfach bedeutende Position.
Hier wurde am 7. Mai 1915 das als unsinkbar geltende, britische Passagierschiff RMS „Lusitania“ vom deutschen U-Boot SM „U20“ torpediert. Es war das einzige Passagierschiff, das nicht von der britischen Kriegsmarine konfisziert worden war und das während des Ersten Weltkrieges für Cunard die Nordatlantikroute befuhr. Am 1. Mai 1915 verließ die „Lusitania“ mit 1.959 Menschen an Bord trotz zahlreicher Warnungen New York. Kurs Liverpool. Sie hatte jedoch auch 10,5 Tonnen Sprengstoff, als Jagdgewehrmunition deklariertes Kriegsmaterial, gebunkert. Nach dem Torpedotreffer sank sie nach einer zweiten schweren Explosion in weniger als 18 Minuten vor der Küste beim heutigen Cobh. Ob Marineminister Winston Churchill Kapitän William Thomas Turner rechtzeitig hätte warnen und zur Kursänderung bewegen können, ist historisch umstritten.
Auch MS „Artania“ hat britische Wurzeln. Die „Weltenbummlerin mit königlichem Blut“ ist fast gleich lang und gleich breit wie die „Lusitania“. Sie ist aber 77 Jahre „jünger“ und wurde 1984 von Lady Diana auf den Namen „Royal Princess“ getauft. Später war sie acht Jahre für P&O Cruises als MS „Artemis“ auf Tour und gehörte damit zu den 100 Schiffen der Carnival Corporation. Seit 2012 verstärkt sie nach umfangreichem Umbau die Hochseeflotte des beliebten Bonner Veranstalters Phoenix Reisen als größtes Schiff neben MS „Amadea“ und MS „Albatros“.

Kapitän Thommessen durchfährt einen der weltweit größten Naturhäfen und macht bei strahlendem Sonnenschein und tiefblauer See die „Artania“ an der Pier von Cobh fest. Von hier startete vor 175 Jahren die erste Dampfschifffahrtslinie zwischen der grünen Insel und England. Cobh ist das irische Wort für „cove“, was so viel wie Brandungsnische, kleine Bucht bedeutet. Zu Ehren des Besuchs von Königin Victoria, der 63 Jahre lang regierenden Urgroßmutter von Königin Elisabeth, wurde der Ort 1848 in Queenstown umbenannt. Königin Victoria besuchte Irland zu dem Zeitpunkt der großen Hungersnöte. Über eine Million Menschen starben daran, über 1,5 Millionen Iren wanderten auf sogenannten „coffin ships“ (Sargschiffen) in die Neue Welt aus. Nach dem Anglo-Irischen Krieg (1919-1921) und der Gründung des irischen Freistaates 1922, dem Vorläufer der heutigen Republik Irland, wurde aus Cobh of Cork, Cove, Queenstown wieder ganz irisch Cobh. Der hübsche Ort liegt auf der Insel Greater Island und ist per Brücke und Tunnel mit dem rund 22 Kilometer nordwestlich gelegenen Cork (europäische Kulturhauptstadt 2005) verbunden. Hier hatten die Wikinger bereits im 9. Jahrhundert eine blühende Handelsniederlassung errichtet.

Kapitän Thommessen, Norweger und damit Wikingernachfahre, und mit ihm 1.050 Passagiere stehen an der Reling, sitzen auf ihren Veranda-Balkonen oder in der großzügigen Panoramalounge, fotografieren, filmen oder genießen einfach die pittoreske Aussicht. Zum Greifen nahe sind die vielen Zuckerbäcker-Holzhäuser im viktorianischen Stil, die sich dicht gedrängt den steilen Hang wie bunte Perlen hinaufziehen. Überragt wird der kleine, aber geschichtlich bedeutungsvolle Ort mit 6.500 Einwohnern von der imposanten neogotischen Kathedrale. Sie ist die zweitgrößte im ganzen Land und dem irischen Heiligen St. Colman geweiht. Wer keinen Ausflug nach Kinsale und Charles Fort, Youghal und Lismore, Cork und St. Finbarr’s Kathedrale oder nach Midleton in Jamesons Whiskey Brennerei gebucht hat, schaut sich auf eigene Faust den wunderhübschen Ort an. Und es wird nicht schwer fallen, die sechs Stunden bis zum Ablegen dort zu verbringen. Glücklich schätzen sich diejenigen Gäste, die von Phil Maherne durch seine Heimatstadt geführt werden. Der pensionierte Lehrer versteht es, seinen Gruppen mit viel Hintergrundwissen und Begeisterung auf dem „Titanic“-Trail die wichtigen Stationen der fast drei Millionen irischen Auswanderer zu zeigen, die ihre Heimat über die „Pier der gebrochenen Herzen“, wie die White Star Line Pier auch genannt wurde,  für eine ungewisse Zukunft, meistens aber für immer, verließen.
Ins Leben gerufen hat Dr. Michael Martin die erlebnisreichen historischen Erkundungstouren von Cobh. Er ist Autor mehrerer Bücher und großer Sympathieträger für den kleinen Ort mit außerordentlicher geschichtlicher Bedeutung. Er begleitet Gruppen gerne zur vorgelagerten Spike Insel, dem irischen Alcatraz, auf der Titanic-Trail-Hafentour und ins zur 100-Jahr-Gedenkfeier neu konzipierte Museum „Titanic Experience“. Das Museum ist im historischen Ticketoffice der White Star Line untergebracht. Hier traten am 11. April 1912 die letzten 123 Passagiere ihre schicksalhafte Reise an. Von ihnen sollten nur 44 überleben.
Kapitän Thommessen besucht trotz Freikarte die erlebnisorientierte Ausstellung nicht. Er hat ein ungutes Gefühl und macht am Eingang kehrt. Böse Passagiere behaupten später, Kapitän Thommessen sähe Eward J. Smith, dem „Titanic“-Kapitän, täuschend ähnlich. Das wird aber sicherlich nicht der wahre Grund sein. Eher hat er Ähnlichkeit mit Santa Claus, und der wird den Reisenden auf der Nordlandtour noch häufiger begegnen.
Beamish Stout, Murphy’s und Guinness im Jack Doyle Pub bilden den idealen Abschluss für einen abwechslungsreichen Landausflug. An Bord klingt der wunderschöne Tag mit einer gelungenen Whisky&Whiskey-Verkostung zusammen mit Barmanager Helge Hansen aus. Was will man mehr? 1.432 sm (2.652 km) sind es noch bis zum nächsten Landgang in Qarqortoq; nach 2.112 sm (3.911 km) erreicht MS „Artania“ die nicht zu passierende Eisbarriere vor Illulissat. Kapitän Jan Georg Thommessen bringt alle Passiere nach insgesamt 5.480 Seemeilen, das entspricht einem Viertel des Äquatorumfanges, sicher und gutgelaunt nach Bremerhaven auf Position: 53°33’ Nord 8° 35’Ost, ebenfalls in eine Stadt mit großer Geschichte und – wie kann es anders sein – einem besuchenswerten Auswanderer-Haus.

Copyright: Text und Fotos: Jutta Schobel

Informationen

Irland www.discoverireland.com , Tourism Ireland, Gutleutstraße  32, 60329 Frankfurt/Main, Telefon  069 668 00950

PHOENIX REISEN
http://www.phoenixreisen.com/ – Am 14.9. 2014 legt MS „Amadea“  (7-18 Uhr), am 7.10. 2014 MS „Albatros“  (11-21 Uhr) in Cobh an.

Reiseliteratur
Lonely Planet-Reiseführer Irland (Country Guides), DuMont Reise-Handbuch – Reiseführer Irland: Entdeckungsreise auf der grünen Insel, ISBN:  978-3-77017-706-6, Irland – Stefan Loose Travel Handbücher, ISBN: 978-3-77016-196-6, Reiseführer Irland – Michael Müller Verlag, ISBN: 978-3-89953-688-1

 

 

 

 

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