DER ELEFANT IM RAUM

Eine Sonderausstellung der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin

Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof richtet erstmals den Fokus auf Skulpturen der Sammlung Marx, ergänzt um Werke aus der Sammlung der Nationalgalerie und zeigt u.a. Werke wie Stelle von Joseph Beuys, Metallkuben von Donald Judd, gipserne Raumkörper von Rachel

Whiteread und Marcel Duchamps Herzschlag von Brian O’Doherty.

Um 1960 lieferte der US-amerikanische Maler Ad Reinhardt eine provokante Definition dessen, was er unter einer Skulptur versteht: „Etwas, in das man hineinläuft, wenn man zurücktritt, um ein Gemälde anzuschauen.“ Eher ungewollt spricht Reinhardt damit einen Aspekt an, der für Bildhauerinnen und Bildhauer ab den 1960er-Jahren zunehmend bedeutsam wird, nämlich die materielle Widerständigkeit und körperliche Wirkung einer Skulptur im Raum. Die Ausstellung „Der Elefant im Raum“ rückt diese Widerständigkeit in den Blick.

Der Titel geht auf den englischsprachigen Ausdruck „the elephant in the room“ zurück, der auf einen meist unangenehmen Sachverhalt hinweist, der während eines Gesprächs unausgesprochen im Raum steht. Diese negative Dimension wendet die Ausstellung ins Positive, indem mit dem Elefanten all jene Kräfte und Größen angesprochen sind, die zwar nicht materieller Bestandteil der Skulpturen sind, die ihre Erscheinung und Wirkung im Raum jedoch maßgeblich mitbestimmen.

Die Ausstellung stellt in der Kleihueshalle und im West-Flügel des Museums jeweils in einer Folge von Räumen unter den Überschriften Erinnerung, Stelle, Körper und Energie zentrale Aspekte eines raumgreifenden Verständnisses von Skulptur vor.

Erinnerung: Als Denkmäler sind Skulpturen fester Bestandteil der öffentlichen Erinnerungskultur. Historischen Ereignissen oder bedeutenden Persönlichkeiten gewidmet, dienen sie der Bildung nationaler und kultureller Identitäten. Was geschieht jedoch, wenn der Blick in die Vergangenheit nicht an Ruhmes-, sondern an Verbrechen hängen bleibt? Dieser Frage wenden sich die beiden Räume zum Thema Erinnerung zu – mit Werken von Anselm Kiefer, Gerhard Merz, Joseph Beuys und Marcel Odenbach.

Stelle: Während Denkmäler im öffentlichen Raum meist feste Aufstellungsorte haben, können Skulpturen im Ausstellungsraum flexibel platziert werden. Dennoch markieren sie in ihrer Präsenz einen bestimmten Ort, eine bestimmte Stelle im Raum. In Werken von Joseph Beuys, Donald Judd, Fred Sandback, Carl Andre und Franz Erhard Walter spielt dies eine zentrale konzeptuelle Rolle.

Körper: Eines der ältesten bildhauerischen Motive ist zweifellos der Mensch. Neben der Wiedergabe der Körper von Frauen oder Männern führt das Ideal von Einheit und Ganzheitlichkeit bereits in der Frühgeschichte zur Darstellung androgyner Wesen. Georg Baselitz und Matthew Barney greifen dieses Motiv in den ausgestellten Werken auf. Die Darstellung des eigenen Körpers hat ebenfalls eine lange künstlerische Tradition. Mit der Entwicklung der Performance-Kunst und der Body Art in den 1960er-Jahren wurde der Körper nicht mehr nur zum inhaltlichen Gegenstand der Werke, sondern auch zum künstlerischen Material. In Werken von Marina Abramović, Absalon, Marc Quinn und Joseph Beuys zeigen sich unterschiedliche Ansätze des Selbstportraits.

Energie: Während Skulpturen bis ins 20. Jahrhundert hinein in erster Linie aus unveränderlichen Materialien wie Stein, Holz oder Bronze bestanden, werden bildhauerische Konzepte insbesondere seit den 1960er-Jahren auch mit Vergänglichkeit und Energie in Verbindung gebracht. In Werken von Joseph Beuys, Dan Flavin, Jeff Koons, Nina Canell und Brian O’Doherty wirken neben den sichtbaren Materialien auch unsichtbare Kräfte und Energien.

Die Ausstellung wird von einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm begleitet. In der Gesprächsreihe „The Making-of…“ widmen sich die Restaurator*innen Carolin Bohlmann, Franziska Klinkmüller, Leonie Kolditz, Johannes Noack und Eva Riess gemeinsam mit der Kuratorin Nina Schallenberg der Machart einzelner Werke.

In der edition cantz erscheint Anfang 2019 die Publikation „Sammlung Marx – 40 Werke“, die eine Chronik zur Sammlung und ausführliche Texte zu 40 ausgewählten Werken enthält. Sorgfältig recherchierte Beiträge und eine Vielzahl von Texten geben nicht nur Aufschluss über diese Sammlung, sondern auch über die europäische und US-amerikanische Kunstgeschichte seit den 1960er-Jahren.

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, Invalidenstraße 50/51, 10557 Berlin

Copyright für alle Bilder: Helena Salva-Janowitz,  jetset travelmagazin, Berlin
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