ERFURT

1272 Jahre und kein bisschen jünger ist Erfurt, die Landeshauptstadt Thüringens
Die Stadt ist verkehrsmäßig sehr günstig gelegen. Knapp dreieinhalb Stunden benötigt der Linienbus für die 300 km von Berlin zu den Highlights der Stadt, von der bereits Martin Luther schwärmte: „Erfurt liegt am besten Ort – da muss eine Stadt stehen“. Dank einer exzellenten Autobahnanbindung oder schneller ICE-Bahnfahrt ist das eher ein gemütlicher Ausflug ins Grüne. Wir haben für die Stadtbesichtigungen zwei volle Tage eingeplant und ein Hotel mitten in der Altstadt gebucht. Doch zuerst wird ganz unkonventionell und planlos im Umkreis recherchiert. Stimmungsvolles Entree unmittelbar an unserem „Hotel am Kaisersaal“  ist der von hübschen Bürgerhäusern umrahmte Wenigemarkt. Ein kleiner Stopp im Born-Senf-Laden, in dem wir den berühmten, frisch gezapften Senf und andere Feinkostspezialitäten probieren und uns in dem dazugehörigen Museum die beinahe 200 Jahre Senf-Geschichte anschauen.

Minuten später sind wir an der Krämerbrücke
Früher war sie nur ein schmales Brücklein, das in den Jahren zwischen 1175 und 1293 mehrmals bei Stadtbränden abgefackelt wurde. Erst im Jahre 1325 errichtete man eine steinerne Brücke mit Fachwerkbuden. Nach einer weiteren Brandkatastrophe im Jahre 1472 wurde sie wiederaufgebaut und erhielt ihr jetziges Aussehen. Allerdings wurden die 62 mittelalterlichen Fachwerkhäuser zu 32 größeren zusammengefasst. Wir bleiben noch vor Ort und wollen die Stadt einmal vom Turm der Ägidienkirche aus betrachten. Nach kurzem, aber mühevollem Aufstieg über 130 schmale gewundene Holztreppen bietet sich ein fantastischer Ausblick bis hin zu der Zitadelle Petersberg und dem Domplatz mit Mariendom und St. Severi. Ein Torbogen führt zur Krämerbrücke mit dutzenden mit Touristen wohlgefüllten Geschäften, Galerien, Kaffeehäuschen und Kneipchen. Gerangel vor dem Schaufenster des Hauses Nr. 2, einem Märchen-Miniaturtheater namens „Theatrum mundi“. Auf einer improvisierten Bühne wird nach Einwurf einer Münze das Puppenspiel „Schneewittchen“ gezeigt. Es ist ein originelles mechanisches Theater mit 20 beweglichen Märchenfiguren des Holzbildhauers und Puppenschnitzers Martin Gobsch. Ein Spaziergang durch die Brücke auf die andere Seite bietet weitere originelle Motive.

Arnold Zweig hat die Altstadt als „Bilderbuch der deutschen Geschichte“ bezeichnet Treffender kann man den Bummel durch das Gewirr der verwinkelten Gassen und Gässchen nicht beschreiben. Ein Kuriosum auf dem Weg zum Fischmarkt. Es ist der wohl „meistzitierte Sauerteig“ Deutschlands: „Bernd das Brot“, eine zwei Meter hohe Skulptur, bekannt durch KiKa, den Kinderkanal. Am Fischmarkt dominiert das 1870 – 1874 im neugotischen Stil erbaute Rathaus. Schon die monumentale Vorhalle ist ein Schmuckstück. In üppig bemalten Treppenhäusern bewundern wir die Werke von Eduard Kaempffer, die Geschichten des Grafen von Gleichen und Begebenheiten aus der Tannhäuser- und Johann Faust-Sage darstellen. Der prächtige Festsaal  ist geschmückt mit Bildern des Malers Johann Peter Theodor Janssen mit Szenen aus dem Leben Martin Luthers und der Erfurter Vergangenheit.  Matthias, unser „allwissender Gästeführer“, kennt viele interessante und spannende Einzelheiten über das Haus, in dem wir gerne länger verweilen würden.

Dom und Severikirche – ein alles überragender Höhepunkt der Stadt
Recht gewöhnungsbedürftig ist der schmale von hübschen alten Bürgerhäusern flankierte Weg zum Domplatz. Schrecksekunde! Hier streift die Straßenbahn fast unmittelbar den ohnehin schon engen Bürgersteig. Von weitem grüßt nun das monumentale Ensemble von Mariendom und St. Severi, eines der meistfotografierten Motive der Stadt. Eine mächtige Freitreppe führt auf den Domhügel. Im Inneren des Doms beeindrucken der Chor mit 18 m hohen gotischen Glasfenstern, das reich verzierte Chorgestühl aus Eichenholz, die romanische Stuckmadonna, die bronzene Leuchterfigur „Wolfram“, das Taufbecken und lust but not least die Grabplatte des Grafen von Gleichen. Der mittlere Turm birgt eine der größten mittelalterlichen frei schwingenden Glocken der Welt –  die Gloriosa. Gleich neben dem Dom  die fünfschiffige St. Severikirche, die zu den wichtigsten gotischen Bauten Deutschlands gehört. Attraktive Fotoobjekte sind der reich verzierte Sarkophag mit den sterblichen Überresten des heiligen Severus, der 15 m hohe wunderschöne Taufstein sowie der mächtige Barockaltar. Ein kurzer Weg führt zur nahe liegenden Zitadelle hinauf auf den Petersberg, die zu den größten barocken Festungen in Europa gehört. Vom Aussichtsplateau, dem „Balkon von Erfurt“, bieten sich herrliche Fotomotive über die Dächer der Stadt.

Nicht nur laufen, auch gucken macht hungrig – jetzt weist uns die Nase den Weg zum nächsten Höhepunkt
Etwas Besonderes soll es sein. Nicht nur lecker und süffig, sondern auch vom Touch eines außergewöhnlichen Erlebnisses begleitet, lassen wir uns im historischen Gemäuer des Gasthauses „Zum güldenen Rade“ in der Marktstraße verwöhnen. Der Chef macht stolz auf ein besonderes Ereignis des traditionsreichen Hauses aufmerksam, als vor drei Jahren Papst Benedikt XVI. während eines Stadtbesuchs in Begleitung von 50 Personen, darunter 12 Angehörigen der päpstlichen Familie, hier sein Mittag- und Abendessen genoss. Sicher werden sich Ilona Alsgut-Müller und Bernd Alsgut, die den Papst persönlich bekochen durften, ein Leben lang daran erinnern. Wir können leider nicht so üppig schwelgen, doch die Thüringer Klöße mit frischen Waldpilzen und dazu ein frisch gezapftes Köstritzer Bier sind köstlich.

Ein Silberschatz in der ältesten erhaltenen Synagoge Europas
Die Alte Synagoge wurde nach dem schrecklichen Pogrom im Jahr 1349 an einen Kaufmann verkauft und diente als Lagerhaus. Ab dem 19. Jahrhundert wurde sie hauptsächlich  gastronomisch genutzt und entging damit in den Kriegsjahren der endgültigen Zerstörung durch die Nazis. 1998 kaufte die Stadt die Alte Synagoge, die nach einer Sanierung wieder eröffnet wurde. Sie beherbergt jetzt eine Ausstellung zur Kultur und Geschichte der Erfurter jüdischen Gemeinde im Mittelalter und den „Erfurter Schatz“, der wirklich einmalig ist. Ein jüdischer Kaufmann vergrub ihn 1349, um ihn vor dem Pogrom zu sichern. Er wurde 1998 bei  Bauarbeiten zufällig entdeckt. Im Keller können wir diesen einzigartigen Schatz mit einem Gesamtgewicht von 30 Kilogramm bewundern, der aus Silbermünzen, Silberbarren und mehr als 700 Goldschmiedearbeiten aus dem 13. und 14. Jahrhundert besteht. Das wertvollste Stück der Sammlung ist ein jüdischer aufwendig verarbeiteter Hochzeitsring. Aber auch die anderen Exponate sind nicht weniger sehenswert; hebräische Handschriften, die größte bekannte hebräische Bibel, eine mittelalterliche Tora und vieles mehr.

Anger – die ehemalige Gemeindeweide an der Stadtmauer
Ein Abstecher führt zur Einkaufs- und Flaniermeile der Stadt, dem Anger. Vorbei am Haus Dacheröden, dem meist bedeutenden Renaissancebau am Anger, wo früher Wilhelm von Humboldt, Schiller und Goethe zu Gast waren und dem imposanten Angerbrunnen sowie herrlichen Bürgerhäusern, erreichen wir das Angermuseum mit seiner prächtigen Barockfassade. Es zeigt wertvolle Sammlungen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hier kann man Stunden verbringen, nur um die wichtigsten Werke zu bewundern.  Zu Beginn der Besichtigung sieht man die „Lebensstufen“ Erich Heckels, die einzigen erhaltenen monumentalen Wandmalereien des deutschen Expressionismus. Zu weiteren Höhepunkten gehörten der Augustineraltar, die Hirschmadonna und die Rebenstockmadonna. Aber auch Kunsthandwerk-Liebhaber kommen auf ihre Kosten. Zinn, Glas und Porzellan werden reichlich präsentiert. Der Spaziergang führt weiter zum Ursulinenkloster mit seinen außergewöhnlichen Glasfenstern. Das im Jugendstil erbaute Shoppingcenter Anger 1 mit  unzähligen Geschäften zählt zu den größten in Thüringen und ist ein Anziehungspunkt für Jung und Alt. Ein kurzer Weg führt zum Lutherdenkmal vor der Kaufmannskirche, in der Luther 1522 eine Predigt hielt. Zurück in die Altstadt, zur Prediger Kirche. Auf der Terrasse eines kleinen italienischen Restaurants genießen wir den Blick auf die Gera und die Rathausbrücke. Jetzt hat sich auch der Touristenstrom merklich dezimiert. Die Kurzzeitbesucher sind verschwunden, das Städtchen wird urgemütlich. In den spärlich erleuchteten Straßen der Altstadt werden die Bürgersteige hochgeklappt, Erfurt versinkt in eine wohlverdiente Ruhepause, der auch wir uns nicht entziehen wollen.

Der letzte Tag der Spurensuche verläuft streng nach Plan
Nicht weit von unserem Hotel liegt die Johannesstraße, eine der ältesten in Erfurt. Ein besonders schönes Gebäude ist das „Haus zum Stockfisch“ aus der Spätrenaissance, in dem das Stadtmuseum untergebracht ist. Auch andere Häuser sind interessant und tragen ungewöhnliche Namen wie  „Wilder Mann“ oder „Zum grünen Sittich und gekrönten Hecht“.
Unwiderstehliches Fotoobjekt ist das Augustinerkloster mit seinen schönen und wertvollen Glasfenstern aus dem 14. Jahrhundert. Eine Ausstellung in dieser berühmten Stätte der Reformation informiert über Martin Luther, der hier von 1505 bis 1511 in einer der spartanisch eingerichteten Zellen als Mönch lebte. Einzigartig ist die historische Bibliothek. Heute ist das Kloster Tagungs- und Begegnungsstätte. Im „Ort der Stille“ erinnert eine Dokumentation an den Katastrophentag des 25. Februar 1945, an dem die Bibliothek durch eine englische Fliegerbombe zerstört wurde und dabei  267 Menschen im Luftschutzkeller unter sich begrub. An gleicher Stelle erinnert ein Nagelkreuz aus Coventry an den Tag, an dem deutsche Bomben die Kathedrale dieser Stadt verwüsteten. Dieses Nagelkreuz wurde an 25. Februar 2008 dem Kurator des Augustinerklosters aus dem Anlass der Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der vernichteten Klosterbibliothek überreicht. Um all die Kostbarkeiten dieser Stadt zu erkunden, bedarf es viel Zeit, die sprichwörtlich „im Fluge“ verrinnt.

Noch ein ausgedehnter Spaziergang durch die Gassen der Altstadt mit ihren vielen Hinterhöfen und rustikalen Biergärten, vorbei am Domplatz mit Minervabrunnen, dem Dom und der Severikirche, ein letzter Gruß zum Eulenspiegel-Denkmal und dem wunderschönen Renaissancehaus „Zum Roten Ochsen“. In der attraktiven Umgebung des Fischmarktes können wir in aller Ruhe bei einem delikaten Abendmahl das Erlebnis Erfurt ausklingen lassen.

 

Informationen:
Wir möchten jedem Besucher raten, mindestens zwei volle Tage für die Besichtigung der interessantesten Highlights dieser Stadt einzuplanen oder noch besser an einem geführten Rundgang teilzunehmen. Erfurt ist einfach zu schade für eine „Spritztour“. Unser sachkundiger Gästeführer war Matthias Gose. Informationen im Internet: www.erfurt-tourismus.de

Reiseliteratur: 111 Orte in Erfurt, die man gesehen haben muss, ISBN 978-3-95451-022-1, Preis € [D] 14,95 € [A] 15,40, Emons Verlag GmbH www.emons-verlag.de

( siehe auch unterTravel Books)


Copyright für alle Bilder: Helena Salva-Janowitz und Joachim Salva

 

 

 

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