GROPIUS BAU

Eine Sonderausstellung des Museum für Vor- und Frühgeschichte – Staatliche Museen zu Berlin in Kooperation mit dem Verband der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland (VLA) anlässlich des Europäischen Kulturerbejahres 2018

Digitale Kommunikations- und schnelle Transportmöglichkeiten bringen die Menschen immer enger zusammen und lassen die Glo­balisierung als modernes Phänomen erscheinen. Tatsächlich aber ist die überregionale Vernetzung mit allen ihren Auswirkungen seit jeher ein fester Bestandteil der Gesellschaft und beeinflusst das Le­ben der Menschen seit prähistorischer Zeit grundlegend. Täglich machen Archäologen Entdeckungen, die dies eindrucksvoll belegen. „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ präsentiert die spek­takulärsten archäologischen Neufunde der letzten 20 Jahre von der Steinzeit bis ins 20. Jahrhundert. Anhand der vier Themen Mobilität, Konflikt, Austausch und Innovation werden mit über 1.000 Expona­ten die Folgen überregionaler Interaktion auf persönlicher, wirt­schaftlicher und kultureller Ebene erfahrbar gemacht.

Das Europäische Kulturerbejahr 2018 richtet den Blick auf Austauschpro­zesse und auf Beziehungen innerhalb Europas. Unter dem Motto „sharing heritage“ wird das reiche kulturelle Erbe Europas in unterschiedlichen Projekten präsentiert und neu erschlossen. „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ ist das Leitprojekt im Themenfeld „Austausch und Bewe­gung“ und zeigt, was das kulturelle Erbe Europas aus archäologischer Perspektive ausmacht. Ziel der Ausstellung ist es, über die Exponate den Bezug unserer kulturellen Vergangenheit zur heutigen Zeit herzustellen und zu verdeutlichen, dass schon vor mehreren tausend Jahren die Grundlagen eines gemeinsamen Europas gelegt wurden, aus denen ein einzigartiges kulturelles Netzwerk entstand, das uns bis heute prägt.

Über allem steht die Bewegung des Menschen als verbindendes Grund­prinzip der Geschichte: Diese ist die Ausgangslage für die Verbreitung von Waren und Ideen, dem Entstehen von Handel und Fortschritt sowie auch damit verbundenen strukturellen Veränderung und Konflikten. Aus diesem Grund ist die Ausstellung nicht chronologisch gegliedert, sondern orientiert sich an den vier Themen Mobilität, Austausch, Konflikt und Inno­vation. In dieses thematische Konzept eingefasst werden auf 1.600 qm Fläche im gesamten Erdgeschoss des Gropius Baus spektakuläre Funde und Forschungsergebnisse der letzten 20 Jahre aus allen Bundesländern gemeinsam präsentiert. 70 Leihgeber aus ganz Deutschland unterstützen die Ausstellung mit insgesamt 300 Fundkomplexen bestehend aus weit über 1.000 hochrangigen Exponaten von der Steinzeit bis ins 20. Jahr­hundert. Allen Exponaten ist gemein, dass sie trotz ihrer Einzigartigkeit nicht allein stehen, sondern immer als Teil eines europäischen Netzwerks zu sehen sind.

Im Zentrum der Ausstellung steht im Lichthof des Gropius Baus die Ha­fenmauer des römischen Köln, die in den letzten Jahren durch den Bau der Kölner U-Bahn freigelegt wurde. Die mächtigen Überreste einer 3,5 Meter hohen Spundwand aus fast 2.000 Jahre alten Eichenbohlen werden zusammen mit tausenden Scherben aus dem Hafenbecken präsentiert.

Im Bereich Mobilität steht der Mensch im Vordergrund, der aus den ver­schiedensten Gründen allein oder in großen Gruppen auf kurzen Wegen oder langen Strecken unterwegs war und dessen Wege durch seine Hin­terlassenschaften greifbar sind. So wird u.a. ein Blick auf vier große Migrationsereignisse im Neolithikum geworfen, die den Genpool der Europäer nachhaltig geformt haben. Ein besonders spannender Komplex ist der jungsteinzeitlicher Ritualort in Herxheim (Rheinland-Pfalz), wo Menschen am Beginn des 5. Jahrtausends v. Chr. aus einem Umkreis von 400 km für ein rätselhaftes Opferritual zusammengekommen sind.

Bis in die Gegenwart hinein wird Europa von Konflikten und kriegeri­schen Auseinandersetzungen geprägt. Eine der Entdeckungen der letzten Jahre ist die bronzezeitliche Schlacht an der Tollense (Mecklenburg­Vorpommern). Hier ist ca. 1300 v. Chr. die früheste belegbare Schlacht in der Geschichte Europas ausgetragen worden. Der Konflikt zeigt sich aber auch auf einer anderen, geistigen Ebene im Sinne eines Bildersturms. Der Berliner Skulpturenfund ist als solcher zu verstehen: Die 16 Werke stam­men aus der in den 1930er-Jahren von den Nationalsozialisten zu Propa­gandazwecken gezeigten Ausstellung „Entartete Kunst‘ und wurden zu­sammen mit anderen beschlagnahmten Kunstwerken in einer Wohnung eingelagert, die 1944 durch Bombardierung zerstört wurde.

Im Bereich Austausch liegt der Fokus auf den Waren. Es wird ein weiter Bogen gespannt von der Rohstoffgewinnung über Distribution und profes­sionalisierten Handel, sowie die daraus hervorgehenden gesellschaftli­chen und städtebaulichen Veränderungen. Exponate wie der Goldhort von Gessel (Niedersachsen) mit 82 normierten Goldspiralen oder der Kupfer­schatz von Oberding (Bayern) mit 796 gleichartigen und in Zehnergrup­pen gebündelten Spangenbarren zeigen eindrucksvoll, dass es schon vor 4.000 Jahren überregionale Handelsgrößen gegeben hat. Ganz anders lässt sich der Handel im Gründungsviertel der Stadt Lübeck fassen. Hier entstanden im 12. Jahrhundert standardisierte und auf Kaufleute zuge­richtete Häuser, deren für Handelswaren konzipierte Holzkeller sich bis heute erhalten haben.

In ihrem letzten Bereich widmet sich die Ausstellung den Innovationen – sowohl in technischer als auch in geistig-ideeller Hinsicht. Gezeigt wird u.a. die früheste figürliche Kunst der Menschheit, die ca. 35.000 Jahre alte Venus vom Hohle Fels (Baden-Württemberg), sowie die bronzezeitli­che Himmelscheibe von Nebra (Sachsen-Anhalt) mit der weltweit ältesten bisher bekannten konkreten Darstellung des Kosmos. Ebenfalls präsen­tiert werden 3.000 Jahre alte Goldhüte aus Deutschland und Frankreich, die nicht nur eine Meisterleistung der Goldschmiedetechnik darstellen, sondern auch mit kalendarischen Symbolen verziert sind.
Die Himmelscheibe von Nebra ist im Original bis einschließlich 5. Novem­ber 2018 in der Ausstellung zu sehen und wird danach durch eine hoch­wertige Kopie ersetzt. Vom 7. November bis 17. Dezember 2018 wird als weiterer spektakulärer Fund der aus Waldgirmes in Hessen stammende Pferdekopf zu sehen sein, der einst zu einem bronzenen römischen Rei­terdenkmal gehörte.

„Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ steht unter der Schirmherr­schaft des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und wird geför­dert durch die Staatsministerin für Kultur und Medien und das Kuratorium Preußischer Kulturbesitz.

Zur Ausstellung erscheint eine umfangreiche Publikation im Michael Imhof Verlag: Hardcover, 480 Seiten, ca. 355 Abbildungen, ISBN 978-3-7319­0723-7, Buchhandelspreis: 39,95 €, Museumspreis: 29 €.

Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin. Öffnungszeiten: Mi – Mo 10 – 19 Uhr, Di geschlossen

Copyright für alle Bilder: Helena Salva-Janowitz,  jetset travelmagazin, Berlin
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