GURLITT

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine Auswahl von rund 200 Kunstwerken, die der deutsche Kunsthistoriker, Museumsmann und Kunsthändler Hildebrand Gurlitt (1895‒1956) zusammengetragen hat. Die Bundeskunsthalle in Bonn und das Kunstmuseum Bern haben gemeinsam diese erste Bestandsaufnahme des über 1500 Positionen umfassenden Kunstfunds Gurlitt in drei Ausstellungen aufbereitet. Die Ausstellung im Gropius Bau mit dem Untertitel „Ein Kunsthändler im Nationalsozialismus“ unterscheidet sich von den vorhergehenden Ausstellungen, indem sie einen konzentrierten Blick sowohl auf die Aktion „Entartete Kunst“ als auch auf den NS-Kunstraub mit europäischen Dimensionen bietet.

Der 2012 bei Cornelius Gurlitt (1932‒2014), dem Sohn Hildebrand Gurlitts,  beschlagnahmte Kunstbestand lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die Rolle des Kunsthandels innerhalb der verbrecherischen Diktatur der Nationalsozialisten, wobei er von der schrittweisen Entrechtung, Enteignung und Ausplünderung europäischer Juden mitunter massiv profitierte.

Als Kunsthistoriker setzte sich Hildebrand Gurlitt für die Kunst der Avantgarde ein – als Kunsthändler diente er sich jedoch dem NS-Regime an. Die Provenienzen der hier ausgestellten Werke belegen, dass er auch deren oft problematische Herkunft in Kauf nahm: Sowohl Arbeiten, die 1937/38 als „entartete Kunst“ aus deutschen Museen beschlagnahmt wurden, als auch Werke, deren Herkunft bisher nicht abschließend geklärt werden konnte, werden in der Ausstellung gezeigt. Letztere stehen teilweise unter dem Verdacht, NS-verfolgungsbedingt entzogen worden zu sein, sind also möglicherweise Raubkunst.

Die Schicksale einiger ehemaliger Eigentümer dieser Werke meist jüdischer Sammler und Kunsthändler werden in der Ausstellung ebenfalls thematisiert. Sie appellieren an unsere politische und moralische Verpflichtung für einen sensiblen und verantwortungsvollen Umgang mit verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut in öffentlichen wie privaten Sammlungen und mit seiner Geschichte.

Zur wissenschaftlichen Erforschung des Kunstbestands Gurlitt wurde erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ein international besetztes Expertengremium – die Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ – eingesetzt. Das Nachfolgeprojekt Projekt Provenienzrecherche Gurlitt übernahm anschließend die wissenschaftliche Erforschung der Kunstwerke.

Mit einem breiten Spektrum von Kunstepochen und Stilen, das von Dürer bis Monet und von Cranach bis Kirchner und Rodin reicht, zeigt die Ausstellung Kunstwerke, die jahrzehntelang als verschollen galten, und spiegelt den aktuellen Forschungsstand zum Kunstfund Gurlitt. Eine Vielzahl von Originaldokumenten und historischen Fotografien bildet eine weitere, wichtige Vermittlungsebene dieser Ausstellung.
Indem sie der Herkunft jeder einzelnen Arbeit nachgeht, richtet sie ihren Blick auf die Geschichten dieser Objekte sowie auf die dahinter verborgenen menschlichen Schicksale. Aufgrund der regen Aktivitäten Gurlitts auf den Kunstmärkten der im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebiete, muss der Verdacht zunächst bestehen bleiben, dass es sich auch hierbei zumindest teilweise um „NS-Raubkunst“ handeln könnte. Ein Großteil der Werke wurden1937 als „entartete Kunst“ in deutschen Museen beschlagnahmt. Bei einer großen Zahl der Werke wird die Provenienz wohl ungeklärt bleiben, da aussagekräftige Dokumente verloren gingen oder die Spur der Werke bewusst verwischt wurde.
„Es ist ungemein wichtig, dass dieses Kapitel der deutschen – und letztlich europäischen – Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Der NS-Kunstraub ist längst noch nicht abschließend aufgearbeitet, und er muss zwingend in seinem gesamtgeschichtlichen Zusammenhang betrachtet werden. Dazu gehören die Verfolgung, Entrechtung und Enteignung durch die Nazis, und letztlich auch der Holocaust“, so Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle.

Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin

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