KAPPADOKIEN UND ISTANBUL

Die Ankunftshalle in Kayseri wirkt nach der Hektik auf dem Flughafen Istanbul-Atatürk schon beinah verschlafen. Nach gut einer Stunde Busfahrt erreichen wir die Kleinstadt Ürgüp, den Ausgangsort für unsere Kappadokien-Erlebnisreise. Das (mit einheimischen 5-Sternen im Reiseführer ausgestattete) Hotel Dinler hat vom außen den Charme eines Plattenbaus aber die zentrale Lage ist unbezahlbar, die Zimmer sind in Ordnung und das Buffet-Restaurant bietet eine große Auswahl an Speisen, so dass jeder auf seine Kosten kommt. Beim ersten Treffen unserer kleinen neunköpfigen Gruppe mit dem Reiseleiter (pardon – Reisegestalter) Haluk Uluhan wird das Besichtigungsprogramm der nächsten Tage besprochen, bevor wir nach der Verkostung eines einheimischen süffigen Rotweins in den Schlaf gewiegt werden. Am nächsten Morgen weckt uns lautes Hundegebell und der Ruf des Muezzins vom Minarett der nahe gelegenen Moschee.

 

Derinkuyu ist eine von bereits 36 entdeckten unterirdischen Städten, die zwischen dem 6. und dem 10. Jahrhundert von Christen als Schutzräume gegen Überfälle erbaut wurden. Rund 50 dieser „Festungen“ werden in  Kappadokien vermutet. Hier befanden sich in 8 Stockwerken Wohn- und Schlafräume, Ställe und Lagerräume. Mit Rollsteintüren konnte diese unterirdische Stadt abgeriegelt werden, in der schätzungsweise bis zu 50.000 Bewohner bei Gefahr Zuflucht fanden. Imponierend ist das Belüftungssystem, das auch dem Wassertransport diente. Es ist ein faszinierender, manchmal mühsamer Ausflug in die Unterwelt mit vielen niedrigen verschlungenen Gängen und Treppen. Doch schon wartet ein weiterer Höhepunkt dieser Reise auf uns.

Die Ihlara-Schlucht – das „Grand Canyon“ der Türkei ist 15 km lang und 150 m tief.  Imposante Felsformationen ragen in den Himmel. Die schroffen Wände bilden einen fotogenen Kontrast zu der üppigen Vegetation am Ufer des Flusses Melendiz. Hier ist eine Art Völkerwanderung im Gange. Viele Besucher aus aller Herren Länder, gut ausgerüstet mit schweren Wanderstiefeln, Stöcken und abenteuerlichen Sonnenhüten, absolvieren ihr vorgeschriebenes Pflichtprogramm, das keine großen Pausen duldet, obwohl es kleine stille Ecken und Rastplätze gibt, die zum Verweilen einladen. Während einer Erfrischung, begleitet vom Zwitschern der Vögel und dem sanften Rauschen des Flusses, kann man sich bereits an den gelungenen Schnappschüssen dieser von Wundern vollen Landschaft erfreuen. Zahlreiche Höhlenkirchen säumen den Weg, manche mit bezaubernden Fresken, andere nur mit schlichten Ornamenten, Kreuzen, Rosetten und Rauten in roter Farbe verziert. Grund dafür ist der so genannte Ikonoklasmus (Bilderstreit) zwischen dem 8. – 9. Jahrhundert. In dieser Epoche wurde die bildliche Darstellung von Christus, den Aposteln und Heiligen als Sünde angesehen und sämtliche Kunstwerke in den Kirchen wurden zerstört bzw. übermalt. Erst in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts wurden die Sakralbauten wieder umso aufwendiger geschmückt. Ein Besuch ist in jedem Falle lohnenswert, auch wenn der Aufstieg über die vielen Stufen gerade in der Mittagszeit ganz schön schlaucht. Nach so viel Kultur genießen wir dann die wohl verdiente Pause mit gutem Essen direkt am Fluss. Gestärkt können wir unser nächstes Ziel in Angriff nehmen – Uçhisar. Von dem majestätischen 60 Meter hohem Bergfels, in dem früher bis zu 1.000 Menschen lebten, bietet sich ein grandioser Blick über die märchenhafte Umgebung. Uns bleibt noch genug Zeit, an den vielen Marktständen kandierte Früchte oder hübsche bunte Keramik zu kaufen. Am späten Abend erwarten uns in einer ehemaligen Karawanserei die „Tanzenden Derwische“ des Mevlana Ordens mit ihren ekstatischen Tanz.

Göreme ist für die meisten Touristen ein Synonym für Kappadokien, deren faszinierende Landschaft durch märchenhafte Feenkamine, die durch Erosion entstanden sind, geprägt wird.

Hier findet man die schönsten und besterhaltenen Felsenkirchen. Das Kirchental ist heute ein Open-Air-Museum und gehört zum UNESCO Weltkulturerbe. Zu den berühmtesten Felsenbauten gehört die mit neun Kuppeln und einem hübsch ausgemalten Innenraum ausgestattete Apfelkirche. Ob Barbara-, Schlangen- oder Dunkle Kirche – alle sind sehenswert. Außerhalb des Geländes liegt eine der größten Felsenkirchen der Region, die Tokali-Kirche mit beeindruckenden farbenfrohen Fresken. Viele andere Sakralbauten befinden sich leider in einem bedauernswerten Zustand.
Ein kleiner Unweg führt zu einer Aussichtsplattform mit einem malerischen Restaurant,  das einen bezaubernden Blick auf eine bizarre Landschaft mit mannigfaltigen Tuffsteinformationen bietet. Dank der guten Beziehungen unseres Reiseleiters bekommen wir vom Wirt noch eine Einladung in sein unterirdisches Heim. Während wir uns auf dem mit dicken Kissen und Teppichen ausgelegten Boden bequem machen, wird Tee serviert. Anschließend demonstriert uns die Frau des Hauses die komplizierten Vorgänge der Teppich- Knüpferei. Eine kurze Stippvisite in Avanos, dem Zentrum des kappadokischen Töpferhandwerks. Ein kleiner Spaziergang führt durch die pittoreske Altstadt, vorbei an schönen aber leider arg lädierten alten Häusern, bis zum Hauptplatz mit der Statue eines unbekannten Töpfers.

Wieder ein neues Highlight – Flug in einem Heißluftballon über zerklüftete  Vulkanlandschaften. Noch vor dem Sonnenaufgang bringt uns ein Jeep zum Startplatz der bunt bemalten Ballons. Vom Zischen der Feuerdüsen begleitet, bläht sich der mächtige Ballon zu voller Größe und gleitet ganz sanft über Felsen, tiefe Täler, Schluchten und Feenkamine. Jetzt laufen die Fotoapparate und Filmkameras heiß über dem riesigen Open-Air-Museum Kappadokien. Knapp eine Stunde dauert das schwerelose Vergnügen, an das man sich sicher ein Leben lang erinnern wird. Nach einer punktgenauen Landung auf einer fahrbaren Laderampe ist der Traum vorbei. Für einen stimmigen Ausklang werden wir von der Mannschaft mit einem Glas Sekt und einer Medaille verabschiedet. Zurück im Hotel erwartet uns ein üppiges Frühstücksbuffet, bevor wir zu einer der schönsten Wanderungen starten.

Das Rote Tal ist eine tiefe Schlucht, umrahmt von bizarren Felsenformationen. Der Weg führt vorbei an früheren Höhlenbehausungen und Kirchen. In einem kleinen Restaurant am plätschernden Bach genießen wir ein Glas Çay (schwarzer Tee), bevor wir Çavuşin, ein Dorf am Fuße einer riesigen durchlöcherten Felswand, erreichen. Nach einer kurzen Mittagspause erreichen wir Paşabağı (Mönchetal). Was für eine Landschaft! Wir können uns nicht satt sehen an den imposanten Feenkaminen, die Zipfelmützen gleichen. Ob Tauben- oder Liebsetal mit seinem phallusartigen Kaminen, das Devrent-Tal, dessen Felsgebilde an einen versteinerten Zoologischen Garten erinnern, Kappadokien ist einzigartig und unvergleichbar. Zum Abschied besuchen wir noch Ortahisar mit seinem 90 m hohen Burgfelsen, der früher den kappadokischen Christen als Zuflucht vor den Arabern diente. Anschließend präsentiert uns das private Volkskundemuseum das frühere traditionelle Leben der Dorfbewohner mit lebensgroßen Figuren. Eine richtige Rarität ist der Antiquitätenladen von „Crazy Ali“, einem Unikum, das für uns auf einem uralten Grammophon „Stille Nacht, heilige Nacht“ erklingen lässt.

Zwei Tage in der Mega-City Istanbul liegen vor uns
Der Flug ist angenehm kurz. Schon bei der Fahrt zum Hotel spürt man den Pulsschlag einer Metropole, die nie zur Ruhe kommt. Vorbei an den Relikten mittelalterlicher Stadtmauern, Brücken, an Kaufhäusern und Moscheen. Mitten im Dschungel der Straßen mit lärmenden Lastern, Bussen, Straßenbahnen und Motorrädern bieten ungeachtet des rasenden Verkehrs Wasserverkäufer ihre sonnendurchwärmten  Getränke an. Wir sind leider viel zu müde für einen abendlichen Stadtbummel und suchen ein Restaurant, um mit einem leckeren Kebab den Tag zu beenden.

Keine Chance, die Eindrücke wiederzugeben, die nun unser Auffassungsvermögen strapazieren. Wir haben nicht genügend Zeit, um diese Stadt mit ihrer vieltausendjährigen Vergangenheit gründlich kennenzulernen. Unsere Entdeckungsreise startet am antiken Hippodrom, wo früher Wagenrennen stattfanden. Zu bewundern sind der Ägyptische Obelisk, die Schlangensäule und der Deutsche Brunnen, ein Geschenk Kaisers Wilhelm II. als Erinnerung an seinen Besuch. Ein kurzer Weg und vor uns liegt die Sultan-Ahmet-Moschee, eine der größten des Landes. Sie ist die einzige in der Stadt mit sechs Minaretten und wird auch wegen der blauen Fliesen Blaue Moschee genannt. Unvergesslich bleibt die Besichtigung der Hagia Sophia. Dieses weltbekannte Kleinod war 916 Jahre das religiöse Zentrum des Byzantinischen Reichs. Nach der Umwandlung in eine Moschee kamen 1453 noch vier Minarette hinzu. 1934 wurde dieses gewaltige Bauwerk ein Museum.
Die Auslöser unserer Foto- und Filmkameras laufen heiß, um die in Stein gehauener Religionsgeschichte zu belichten. Die gewundenen Säulen, Emporen und gut erhaltenen farbigen Mosaiken gehören zu den schönsten, die wir je auf unseren Reisen sahen.

Erlebnis Topkapi-Palast – eines der größten Museen der Welt mit mehr als 100.000 Ausstellungsobjekten. Unmöglich, auch nur annähernd die offizielle Residenz der Sultane zu beschreiben, die in der Mitte des 17. Jahrhunderts mehr als 40.000 Menschen beherbergte. Wer hier nicht mindestens einen ganzen Tag verweilen kann, wird nur „Augenblicke“ vor den Schauobjekten mitnehmen können. Wir raten jedem Interessenten, sich bereits vor der Besichtigung anhand von Reiseführen mit Topkapi zu befassen.

 

Mal richtig durchgeschaukelt werden wir während einer Bootsfahrt zwischen Orient und Okzident auf den Bosporus. Wir genießen all die kleinen und großen Eindrücke an den Ufern dieser Lebensader. Historische Holzhäuser und Türme, Mauern, Burgen und Festungen reihen sich wie an einer Perlenschnur, begleitet vom Plätschern der Wellen und dem Tuckern der altersschwachen Schiffmotoren. Auch wenn wir zeitweise die schönen Motive nur durch die Okulare der Kameras wahrnehmen, ist das weit mehr als nur Dampferfahrt. Dieses Erlebnis dauert knapp zwei Stunden und bietet Gesprächsstoff für die nächsten paar Jahre – mindestens. Am letzten Tag besichtigen wir die Eyüp-Sultan-Moschee, die nach Mekka, Medina und Jerusalem heiligste Pilgerstätte der türkischen Muslime. Jährlich strömen tausende von Gläubigen  zum Grab von Abu Ayub al Ansari, dem Gefährten des Propheten. Nur eine kurze Verschnaufpause im berühmten Café Loti, hoch über den Dächern der Stadt, ist uns vergönnt.

 

 

 

Ein weiterer Höhepunkt ist der Besuch der Chora-Kirche. Sie wurde etwa 1320 erbaut und von den Osmanen im 16. Jahrhundert in eine Moschee umgewandelt. Seitdem die Mosaiken in den 50er Jahren freigelegt wurden, dient die Kirche als Museum. Die weltberühmten prächtigen Mosaiken und Fresken zeigen die biblische Geschichte in einer beeindruckenden Weise und gehören zu den schönsten ihrer Art.

 

Der Große Basar zwischen der Nuruosmaniye- und Beyazit-Moschee ist ein Moloch mit fast 90 Gassen und mehr als 3500 Geschäften. Hier können wir nach Herzenslust auf einer Fläche von mehr als 30 ha in kleinen Restaurants und Cafés schmausen, in Geschäften stöbern und nach Mitbringseln suchen. Souvenirs im osmanischen Stil und wertvollere Silber- und Goldschmiedearbeiten locken zum Kauf, doch vor gefälschter Markenware wird gewarnt. Das war unweigerlich der beinahe letzte Eindruck unserer viel zu kurzen doch von Wundern vollen Reise. Als krönender Abschluss hat unser Reiseleiter noch ein Dinner in einem hübschen Restaurant unmittelbar am Bosporus arrangiert. Dann verabschiedet uns Istanbul by night mit der grandiosen Illumination einer Stadt, die niemals schläft, in der Gewissheit, dass unser Besuch nicht der letzte war.


Reiseveranstalter
Wir waren unterwegs mit Gebeco und sehr zufrieden mit der Organisation sowie der Durchführung dieser Reise. www.gebeco.de

 

Reiseliteraturempfehlungen finden Sie unter Travel Books

Kappadokien: Susanne Oberheu und Michael Wadenpohl, 356 Seiten, ca. 100 Fotos und 30 Orts- und Umgebungskarten, ISBN 978-3-86858-250-5, Preis € 24,95, Shaker Media GmbH  www.shaker-media.de

111 Orte in Istanbul, die man gesehen haben muss: Marcus X. Schmid,  mit zahlreichen Fotografien von Haluk Uluhan 240 Seiten, ISBN 978-3-95451-333-8, Preis € [D] 14,95 € [A] 15,40, Emons Verlag GmbH www.emons-verlag.de

Copyright für Text und Fotos:  Helena Salva-Janowitz und Joachim Salva,  jetset travelmagazin, Berlin
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