ROHKUNSTBAU

Der 1972 vom Club of Rome veröffentlichte Bericht über „Die Grenzen des Wachstums“ ist von vielen als Weckruf erfahren worden. Begriffe wie „Moderne“ oder „Fortschritt“ wurden seither postmodernen Revisionen unterzogen. Noch in den 1970er-Jahren wurden gleichzeitig in verschiedenen europäischen Ländern rechtspopulistische Parteien grundgelegt, aber erst in jüngerer Zeit ist ein deutlicher Backlash zu beobachten. Teile der Bevölkerung wenden sich von liberalen Fortschrittsideen ab und rechten Ideologien zu. Rechtspopulisten instrumentalisieren die neue Sehnsucht nach Übersichtlichkeit, kultureller Homogenität und Rückkehr zur „Tradition“. Durch Gesellschaften – nicht nur in Europa, sondern ebenso in Trumps Amerika – verläuft ein tiefer Riss.

Das Ausstellungsthema und der Ort
Die XXIV. ROHKUNSTBAU-Ausstellung nimmt alarmierende gesellschaftliche Bruchstellen in den Blick, politische, soziale und kulturelle. Der britische Ausstellungskurator Mark Gisbourne hat wieder internationale Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich anlässlich des ROHKUNSTBAU Gedanken zu machen: über Fliehkräfte, aber auch über Möglichkeiten, Standpunkte jenseits von einseitigem Moderne- oder fragwürdigem Traditionsverständnis zu entwickeln. Der Ausstellungstitel „Achtung – Mind the Gap“ spielt auf warnende Ansagen in Bahnhöfen an, thematisiert aber zugleich die Klüfte und Risse in gegenwärtigen Gesellschaften. Austragungsort der internationalen Kunstausstellung mit neun Künstlern und Künstlerinnen und einem Duo ist zum zweiten Mal das Schloss Lieberose in Brandenburg.

Die Künstlerinnen und Künstler und ihre Arbeiten
Die britische Multimedia-Künstlerin Kate McMillan (Jahrgang 1974) hat im Schloss Lieberose den Kurzfilm „Instructions for Another Future“ gedreht. Sie begreift das einstmals gräfliche Landschloss im Landkreis Dahme-Spreewald als Sinnbild für das gegenwärtige Europa. Die alte Pracht ist noch zu erkennen, aber das Gemäuer ist rissig.
Der 1968 in Kent geborene Künstler Christopher Winter hat vor kurzem die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Er reflektiert mit seinem „Mirror World Space Collider“ (in Anspielung an den Large Hadron Collider in CERN) das verwirrende Verhältnis von globaler, nationaler und lokaler Identität vor dem Hintergrund des BREXIT und anderen separatistischen Tendenzen.
Um Bruchlinien zwischen Stadt und Land geht es gleich in mehreren Beiträgen. Das seit 2010 bestehende deutsche Künstlerduo GODsDOGs (Britta & Ron Helbig) zeigt eine Rauminstallation mit dem Titel „Spaltenraum und Strahlenriss“, in die Bilder von Kindern in Brandenburger Landschaften eingefügt sind. Mittels Effekten der so genannten Pseudosolarisation erscheinen die Aufnahmen märchenhaft verfremdet – ländliche Szenen werden mit neuer Energie aufgeladen.
Magdalena Jetelová (Jahrgang 1946) zählt zu den Pionieren technikbasierter Kunst und erfuhr ihre Prägung in der Zeit der Land Art der späten 1960er-Jahre. Die tschechische Künstlerin hat einen Raum mit gelaserten Landschaften in Leuchtkästen und lumineszierenden Buchstaben auf dem Fußboden gestaltet.
Um den Kampf mit Naturelementen geht es in Martin Dammanns großformatigen Aquarell „aus Wasser im Wasser in Wasser“, das eigens für ROHKUNSTBAU entstanden ist. Es zeigt eine dramatische nächtliche Szene, vielleicht Bootflüchtlinge in Seenot. Je länger man sich in Details vertieft, desto abgründiger erscheint das Bild.
Die prominente Warschauer Künstlerin Zofia Kulik (Jahrgang 1947) ist bekannt für suggestive, ornamental angeordnete Mosaike aus Schwarz-Weiß-Fotografien. Bei ROHKUNSTBAU zeigt sie einen großformatigen medienanalytischen Beitrag, bestehend aus abfotografierten TV-Bildern, über die sich eine nervöse Zick-Zack-Linie legt. Verbindungslinie oder Metapher für ihre politisch tief gespaltene Heimat?
Laura Bruce, 1959 in East Orange/New Jersey, hat ihre Kindheit in Georgia verlebt, im sogenannten Bible Belt der USA, einer heutigen Hochburg von Trump-Wählern. Die mit Graphit auf Papier gezeichneten Landschaften der Wahlberlinerin sind subtile und zugleich kraftvolle Auseinandersetzungen mit Topografien ihrer Kindheit, ungezähmter Natur, Siedlermentalität und abweichenden Weltbildern.
Die 1977 in Istanbul geborene kurdisch-türkische Künstlerin Nilbar Güreş ist eine Meisterin des subversiven Witzes. Auf der 6. Berlin Biennale 2010 zeigte sie „Çirçir“, eine Serie inszenierter Fotografien mit Frauen aus dem Istanbuler Vorort als Heldinnen. Bei ROHKUNSTBAU ist sie unter anderem mit der ironischen Fotoarbeit „Head Standing Totem“ von 2014 vertreten, in der sie Stereotype des kulturell Fremden (vom Fransentuch aus dem Bauchtanz bis zur Yoga-Haltung) mixt.

Holly Hendrys marshmallow-farbenes skulpturales Werk steckt ebenfalls voller Witz. Die 1990 in London geborene Britin erschafft Hybride aus anorganisch und organisch oder menschlich und comicartig anmutenden Anteilen.
Mit Roman Korovin (Jahrgang 1973) konnte ROHKUNSTBAU eine bekannte und eigenwillige Persönlichkeit aus der lettischen Kunstszene gewinnen. Der Grafiker und Fotokünstler hat einen sehr speziellen Blick auf kleine, liebenswerte, schräge Details des Alltags.
Der Kurator Mark Gisbourne sagt zum diesjährigen Ausstellungskonzept: „Es mag zunächst seltsam erscheinen: eine internationale Ausstellung, die den Titel einer Bahnsteigdurchsage trägt. Der eindringliche Ausruf dient den Passagieren gemeinhin als Warnung, um auf die Lücke beim Ein- und Ausstieg hinzuweisen. Das Englische ‚to mind’ mahnt zur Vorsicht, zum Sich-in-Acht-Nehmen auf; gleichzeitig deutet ‚the gap’ auf einen Raum hin, der ein gefährlicher Riss, ein potenzieller Bruch oder eine Verletzungsursache ist, ein ungelöster Zustand des Dazwischen.“

Die Organisatoren und vergangene Ausstellungen
Inka Thunecke, Geschäftsführerin der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg, die ROHKUNSTBAU veranstaltet, sagt: „Die Ausstellung ROHKUNSTBAU findet wieder in Lieberose statt – einem Ort am Rande von Brandenburg nahe der Grenze zu Polen. Trotz Europa ist die Grenze zu Polen nicht überwunden, sondern die Distanz zum Nachbarland ist prägend und die historische Abgrenzung dominant. Unsere Ausstellung wird den Ort mit einbeziehen. Sowohl die ansässigen Vereine als auch die Bürgermeisterin sehen in der Ausstellung einen Anker für den Ort, den sie gerne erhalten wollen.“
ROHKUNSTBAU steht seit seiner Gründung 1994 für engagierte Förderung zeitgenössischer Kunst und Kultur und für die Wiederbelebung von Kulturstätten in den ländlichen Regionen Brandenburgs. Die jährlichen Ausstellungen versammeln zu aktuellen und gesellschaftlich relevanten Themen internationale Künstlerinnen und Künstler. Frühere „ROHKUNSTBAU“-Ausstellungen waren Themen wie „Macht“ (2011), „Moral“ (2013), „Revolution“ (2014), „Apokalypse“ (2015), „Zwischen den Welten“ (2016) und „Die Schönheit im Anderen“ (2017) gewidmet. Wiederholt gastierte ROHKUNSTBAU mit einer Künstlerauswahl in Venedig im Rahmen der dortigen Kunstbiennale. 

Informationen zur Ausstellung:
Ausstellungszeitraum: 30. Juni – 09. September 2018,  Öffnungszeiten: samstags und sonntags 12.00 – 18.00 Uhr, Direktor: Arvid Boellert, Kurator: Mark Gisbourne, Ort: Schloss Lieberose, Schlosshof 3, 15868 Lieberose, Veranstalter: Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg e. V. http://www.rohkunstbau.de

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